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Spielerisch zum Ziel: Gamification in der Technischen Dokumentation

„Sie sind oft Bestseller, und doch werden sie nur selten gelesen.“

Diese Aussage der Deutschen Presse-Agentur tut fast schon weh. Dem Technischen Redakteur, der die Texte schreibt. Dem Übersetzer. Dem Hersteller. Denn die Rede ist von Bedienungsanleitungen. Kunden bemängeln, dass die klassische Bedienungsanleitung oft zu textlastig, zu trocken und umfangreich ist. Das Lesen – zu zeitraubend.

Gamification: Vorteile einer Alternative

Wer eine solche Zielgruppe hat, der kann auf unterschiedliche Mittel zurückgreifen, die Anleitung interessanter zu gestalten. Ein solches Mittel ist beispielsweise Gamification. Gamification meint kurz und bündig das Nutzen von Spielelementen in einem spielfremden Kontext.

Auch wenn Gamification ein neuartiger Begriff ist, ist das dahinter steckende Konzept allseits bekannt. Beim Einkaufen im Supermarkt sammeln Kunden Treuepunkte und Vielflieger erhalten Bonusmeilen. Ob in Unternehmen, dem Gesundheitsbereich, Bildungsbereich oder gar in der Politik – Spielelemente werden gerne eingesetzt, um Informationen anschaulicher und eindringlicher zu vermitteln.

Gamification verspricht Vielerlei:

  • Motivation steigern
  • Kundenbindung und Kundenloyalität steigern
  • Aufmerksamkeit erhöhen und Produkte angenehmer wahrnehmen
  • Innovationen fördern
  • Problemlösung unterstützen

Wie passt hier die Technische Dokumentation dazu? Nicht selten lernen die Kunden den Umgang mit dem Produkt durch Auspropieren. Gerade Konsumgüter wie Smartphones und Fernsehgeräte stehen hier hoch im Kurs. Spielelemente bringen Interaktion mit in die Anleitung, machen sie interessant und stimulieren.

Anwendungen in der Praxis

Wie können Spielelemente nun in der Technischen Dokumentation genutzt werden? Ein Beispiel liefert Adobe mit seinemTool LevelUp for Photoshop. Mit dieser Anwendung lernen Nutzer spielerisch die grundlegenden Fertigkeiten im Umgang mit der Bildbearbeitungssoftware. Entfernt der Anwender rote Augen auf Bildern oder passt er die Helligkeit an, erhält er Punkte.

Vielversprechend ist auch die Anwendung Ribbon Hero 2 von Microsoft. Hier begibt sich der Anwender auf ein kleines Abenteuer. Mit einer Zeitmaschine wird er durch verschiedene Epochen geführt und lernt so beispielsweise zusammen mit Robin Hood das Erstellen von Diagrammen in Excel kennen: "Who stole the most from the rich?" Unter den Spielelementen finden sich nicht nur Punkte und Aufgaben wieder, sondern auch Auszeichnungen, Levels, Wettkampf und Kooperation, Belohnungen, Feedback, Konflikte und narrative Elemente.

  • Magnetwörter Spiel und Spaß

Spielerisch lernen

Die Motivation zu spielen ist jedem Menschen in die Wiege gelegt. Menschen spielen von Natur aus gerne. Sie wollen gewinnen, sich entspannen, Spaß haben und soziale Kontakte pflegen. Spiele und Spielprozesse lassen sich daher auch gut im Lernumfeld anwenden. Sie bieten ein 'learning by doing'. Die Kombination aus Hören, Sehen und Selbermachen steigert den Wirkungsgrad.

Statt einer passiven Informationsaufnahme kann der Anwender aktiv Erfahrungen sammeln. Wissen wird nachhaltig vermittelt. Gamification bietet daher einen Ausweg aus der passiven Konsumentenhaltung, die beim Lesen einer herkömmlichen Bedienungsanleitung gegeben ist.

Technische Redakteure brauchen für das passende Gamification-Konzept nicht nur Kenntnisse in Software-Entwicklung, sondern müssen sich auch in Spielprozesse und Wirkungsweisen eindenken. Die klassische Bedienungsanleitung wird neu interpretiert.

Der Einsatz von Spielelementen ist nicht für jede Anleitung sinnvoll. Es ist eine Frage des Produkts, der Zielgruppe, des Lernziels und der rechtlichen Anforderungen. Dennoch entsteht mit Hilfe von Gamification eine Anleitung, die andersartig und unkonventionell ist.

  • Spielbrett Gesellschaftsspiel Mensch ärgere dich nicht

Die Autorin

  • Autor bei commatec

Olivia Becker arbeitete als freie Mitarbeiterin und Video-Journalistin für mehrere regionale Zeitungen. Seit dem Master-Studium 'Technische Redaktion und Multimediale Dokumentation' arbeitet sie als Technische Redakteurin bei commatec in Gießen. Hier ist sie für Anleitungen für Medizinprodukte und Software zuständig. Fachübergreifend arbeitet sie als Illustratorin und Produktfotografin und ist für Film-Projekte und Öffentlichkeitsarbeit zuständig.

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