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Software-Tutorials erstellen – Screencast-Programme im Test

Screencast, Screen Recording oder auch Screen Capture sind Begriffe, die die Aufzeichnung von Computer-Bildschirmen und Software beschreiben. In dieser Art Video wird etwa die Bedienung einer Software gezeigt oder ein neues Programm demonstriert. Aber auch Digital Whiteboards - elektronische Flipcharts - können im Screencast aufgenommen werden und ergeben oftmals unterhaltsame Lehrvideos.

Zusätzlich können Video-Reviews erstellt werden. Im Internet finden sich zahlreiche Beispiele zu Software-Tests und Recording von Videospielen. Wer ein Screencast plant, sollte daher genau wissen, welchen Zweck das Video erfüllen soll.

Die Kriterien

Den Screencast, den wir für einen Kunden erstellen, haben wir beispielhaft wie folgt eingeordnet:

  • Aufgezeichnet wird eine Software, die ein Gerät steuert.
  • Neben der Anleitung in Textform sollen die Videos über die Online-Hilfe abrufbar sein und den Nutzer visuell in die Benutzung der Software einführen.
  • Der Screencast soll nicht am Stück durchlaufen, sondern in mehrere Clips zerlegt werden. In der Art eines Utility-Films wird der Screencast nach jedem Schritt gestoppt. Der Nutzer kann dann entscheiden, ob er den einzelnen Clip erneut abspielen möchte oder weiter zum nächsten Schritt springt.
  • Das Video wird in einem kleinen Fenster abgespielt. Zooms und Schwenks sind daher unerlässlich, damit der Nutzer etwas erkennen kann.
  • Der Screencast muss ohne Ton auskommen, daher entfallen Audiospur und Kommentarfunktion.
  • Die Funktionen der Geräte-Software können nur einwandfrei abgerufen werden, wenn die Software direkt mit einem Gerät verbunden ist. Die Screencast-Software muss daher portabel sein bzw. sich schnell und unkompliziert auf dem Geräte-PC installieren lassen.
  • Die Geräte-Software ist per Touchscreen zu bedienen. Das Anschließen von Maus und Tastatur ist für den Nutzer untersagt. Der klassische Cursor in Form eines Pfeils sollte im Screencast daher nicht erkennbar sein. Ein Objekt zur optischen Verfolgung ist didaktisch sinnvoll. Wie wäre es stattdessen mit einer Hand?
  • Das Optische spielt eine Rolle. Der Screencast soll hochwertig aussehen.

Die Probanden Für unser Kunden-Projekt müssen wir uns also für eine Screencast-Software entscheiden, die unseren Kriterien Genüge leistet. Folgende drei Programme stehen zur Auswahl:

Der preisintensive Allrounder

Adobe Captivate ist der König unter den Screencast-Programmen - und der will unterhalten werden. Im Abo kostet die Software knapp 36 Euro pro Monat. Die Installation dauert da auch ein wenig. Dafür erhält man einen umfangreichen Koloss, mit dem sich allerhand erstellen lässt: Software-Demos, Screencasts, E-Learning-Anwendungen und -Schulungen, Quizze und Wissensspiele.

Doch mit ein paar Clicks geht hier kaum etwas. Die Software will gelernt sein. Hinter unzähligen, teils versteckten Aufklappmenüs verbergen sich zwar großartige Effekte - die muss man aber erst finden. Positiv fällt auf, dass sich Aussehen und Größe des Cursors im Nachhinein ändern lassen. So wird aus dem Pfeil schnell eine Hand. Auch die Geschwindigkeit und Bewegung des Cursors lassen sich einstellen. Aus einer krumm aufgenommenen Bewegung wird eine gerade, weiche Maus-Bewegung, die sich schön ansehen lässt.

  • Der Mauszeiger bewegt sich auf einer geraden Linie zwischen Anfangs- und Endpunkt.

Leider erkennt Captivate nicht alle Maus-Bewegungen. Gerade wenn in der Geräte-Software Optionsmenüs aufklappen wird aus dem Cursor kein eigenes Objekt generiert. An diesen Stellen kann der Cursor im Nachhinein nicht mehr angepasst werden, weshalb die Effekte hinfällig sind.

Der Favorit für Videospiel-Streamer

Die Software OBS Studio (Open Broadcaster Software) begann als Projekt von Hugh 'Jim' Bailey. Heute wird sie als Software der Community bezeichnet, da viele Entwickler sie zu dem machten, was sie ist. Auch unter professionellen Videospiel-Streamern ist die Gratis-Software bestens bekannt. Das liegt mit Sicherheit auch daran, dass Nutzer des Tools ihre Aufzeichnung direkt live im Internet streamen können.

Für uns war die Software interessant, da sie auf einem USB-Stick mitgenommen werden kann. Das Programm lässt sich ohne Installation nutzen. Sollte eine Installation der Screencast-Software auf dem Geräte-PC des Kunden aus irgendeinem Grund nicht möglich sein, hätten wir damit einen Plan B in der Tasche.

  • Durch den Mise en abyme-Effekt wirkt OBS Studio unaufgeräumt.

Warum OBS Studio nicht unser Plan A wurde, lässt sich folgendermaßen erklären. Das Programm wirkt auf den ersten Blick recht unübersichtlich. Kaum geöffnet, beginnt der sogenannte Droste effect oder auch Mise en abyme: ein Bild erscheint in sich selbst, oder wörtlich übersetzt, ein Bild ohne Boden. Von diesen Anfangsschwierigkeiten abgesehen, lässt sich das Programm dann gut bedienen. Allerdings ist das Tool nur für das Aufzeichnen eines Videos geeignet - nicht aber für eine nachträgliche Bearbeitung. Der aufgenommene Screencast muss daher zusätzlich in einem Schnittprogramm bearbeitet und Auszeichnungen wie die Hervorhebung von Schaltflächen manuell hinzugefügt werden. In der Nachbearbeitung fällt auf, dass der Cursor 'wackelt' und nicht flüssig läuft. Eine Einstellungssache?

Der intuitive Assistent

Camtasia Studio con TechSmith ist ein Programm zur Aufnahme und Bearbeitung von Screencasts. Punkt. Nicht mehr und nicht weniger. Die Fokussierung überzeugt uns. Es entsteht eine Einfachheit und Klarheit, durch die das Programm intuitiv bedienbar ist. Durch vorgefertigte Effekte lässt sich der Screencast schnell bearbeiten. Zum Beispiel können Zooms schnell eingebunden werden. Optisch ansprechend wirkt das Video durch den Cursor-Effekt 'Cursor-Spotlight'. Hier verfolgt ein Lichtkreis den Mauszeiger während der umliegende, unwichtige Bereich abgedunkelt wird. Dadurch wird der Nutzer geleitet und das Video verständlicher.

  • Mit dem Spotlight-Effekt verfolgt der Nutzer die Mausbewegung. Unwichtige Bereiche werden ausgeblendet.

Was uns überzeugt ist die Schnelligkeit, mit der sich gute Ergebnisse erzielen lassen.

Ein Manko gibt es aber auch hier. Der Standard-Pfeil-Cursor lässt sich nicht nachträglich ändern. Da dieser Cursor definitiv nicht in unserem Screencast zu sehen sein soll, müssen wir uns durch einen Trick behelfen: Das Aussehen des Cursors ändern wir vorab in den Windows-Einstellungen.

  • Unter den Windows-Einstellungen kann das Ausstehen des Cursors geändert werden.

Das Fazit

Mit allen getesteten Programmen lässt sich der Screencast leicht aufzeichnen: Bereich einstellen, Ausgabeformat wählen und das Recording starten.

Wir entscheiden uns bei diesem Projekt für Camtasia Studio, da die Screencasts mit diesem Tool schnell zu erstellen sind und auch die Nachbearbeitung intuitiv und kinderleicht ist. Im Vergleich dazu müssen Anwender von Adobe Captivate entsprechend geschult sein. Sonst dauert die Nachbearbeitung lange. Wer sich mit dem Tool auskennt kann dann allerdings auch ganze E-Learning-Einheiten erstellen. OBS Studio dient dem Aufnehmen von Screencasts und eignet sich gut für Live-Streaming im Internet. Möchte man die Videos anschließend bearbeiten, braucht man ein zusätzliches Schnittprogramm. Für unseren Anwendungsfall daher unpraktisch. Nicht zuletzt muss sich das Programm in die Rahmenbedingungen und Kundenwünsche einfügen.

  • Screencasts, E-Learning-Anwendungen Wissensspiele - mit Adobe Captivate kann man viel anstellen.

Die Autorin

  • Autor bei commatec

Olivia Becker studierte Sprach- und Textwissenschaften an der Universität Passau. Anschließend arbeitete sie als freie Mitarbeiterin und Video-Journalistin für mehrere regionale Zeitungen. Seit dem Master-Studium 'Technische Redaktion und Multimediale Dokumentation' arbeitet sie als Technischen Redakteurin bei commatec in Gießen. Hier ist sie für Anleitungen für Medizinprodukte und Software sowie für Illustrationen, Film-Projekte und Öffentlichkeitsarbeit zuständig.

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