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Schreibst du noch oder zeichnest du schon? Textlose Anleitungen erfolgreich gestalten

Bilder bieten den Anreiz, Informationen schneller und anschaulicher zu vermitteln als Texte. Das Schnürsenkel-Beispiel ist ein klassischer Beweis. Was in Textform kaum möglich scheint, lässt sich als Grafik nahezu problemlos umsetzen. Der Gedanke daher auch in Anleitungen vermehrt auf Bilder zu setzen oder womöglich komplett auf Text zu verzichten, erscheint verlockend. Doch lässt sich diese Idee in der Technischen Dokumentation umsetzen?

Ausgangspunkt ist der Text

Egal ob Sie Übersetzungskosten einsparen oder ihre Anleitung attraktiver machen wollen, bei der Erstellung von Bildanleitungen geht es immer um die Umsetzung von Sätzen in Bilder. Dafür müssen Sie alle Sätze auf ihre Aussage bzw. ihren Informationsgehalt hin analysieren. Für jeden Satz entwickeln Sie dann ein geeignetes Bild. Dadurch erlangen Sie schnell Klarheit über die Anzahl und Art der benötigten Bilder. Der Text dient dann auch als eine Art Checkliste, mit der Sie immer wieder überprüfen können, ob Sie sämtliche Informationen umgesetzt haben.

Der Sinn dieser Analyse ist, die Umsetzung in Bilder zu systematisieren. Denn für jedes Bild müssen Sie über den Bildtyp und die visuellen Gestaltungsmittel entscheiden. Haben Sie die Informationen erst einmal ihren Klassen zugeordnet, wird diese Entscheidung sehr viel leichter und nachvollziehbarer. Außerdem gibt es für viele Informationsklassen bereits Gestaltungsmittel, die sich als besonders effektiv etabliert haben, sogenannte visuelle Konventionen.

Beschreiben oder Anweisen

Um die eigentliche Aussage bzw. Information aus einem Satz zu extrahieren, können Sie sich an einigen bewährten Methoden orientieren, die Informationen in verschiedene Klassen einteilen. Beispielsweise unterteilt die Sprechakttheorie nach Searle eine Sprechsituation in mehrere Akte. Für unsere Situation ist vor allem der sogenannte illokutionäre Akt wichtig. Hiermit ist die eigentliche Sprechhandlung, d. h. die kommunikative Absicht einer Aussage gemeint. In der Technischen Dokumentation dominieren vor allem 2 kommunikative Absichten: Erklären bzw. Beschreiben oder Anleiten bzw. Anweisen. Wie in der klassischen Text-Anleitung müssen diese beiden Absichten auch im Bild unterschiedlich dargestellt werden.

Eine weitere hilfreiche Methode bei der Textanalyse ist das Funktionsdesign nach Schäflein-Armbruster und Muthig. Der Grundgedanke ist hier, dass jeder Satz einer Anleitung eine eindeutige Funktion besitzt, d. h. einer funktionalen Einheit zugeordnet werden kann. Funktionale Einheiten einer Anleitung können beispielsweise Themenangaben, Bedingungen, Handlungsaufforderungen, Resultate, Warnungen oder auch Querverweise sein.

W-Fragen

Nachdem Sie die Sätze mit Sprechakttheorie und Funktionsdesign betrachtet haben, werden Sie feststellen, dass immer noch Informationen übrigbleiben, die Sie keiner Systematik zuordnen können. Diese Informationen lassen sich aber leicht durch W-Fragen ermitteln. Wir haben sie folgendermaßen geordnet:

  • Subjekte und Objekte (Wer?, Was?, Womit?)
  • Raum, d. h. Ort, Richtung und Herkunft (Wo?, Wohin?, Woher?)
  • Zeit, d. h. Zeitpunkt, Zeitdauer und Wiederholung (Wann?, Wie lange?, Wie oft?)
  • Perzeption, z. B. Ton, Sprache und Temperatur
  • Kausalität, d. h. Grund, Bedingung, Folge (Warum?)
  • Art und Weise (Wie?)

Zu guter Letzt sind Aussagen häufig logisch miteinander verknüpft (und, oder). Außerdem kann eine Aussage verneint werden.

Satzaussagen in Bildern umsetzen

Wenn Sie mit der Umsetzung in Bilder beginnen, müssen Sie sich zunächst für einen Bildtyp entscheiden. Als Bildtyp können Fotos, Strichzeichnungen oder aus CAD-Daten erzeugte Illustrationen dienen. Jeder Bildtyp hat dabei Vor- und Nachteile. Fotos sind besonders wirklichkeitsgetreu, während bei Strichzeichnung nicht relevante Bereiche weggelassen werden können.

Anschließend nutzen Sie verschiedene visuelle Gestaltungsmittel wie Pfeile und Farben, um die oben genannten Informationen aus den unterschiedlichen Klassen dazustellen. Für viele Informationen gibt es bereits bewährte visuelle Konventionen, bei anderen müssen Sie eigene Lösungen finden.

Beispiel

Im einem Fall trat der Hersteller eines Wärmezählers an uns heran: Ein Abschnitt der Betriebsanleitung sollte mit möglichst wenig Text umgesetzt werden, vor allem um Übersetzungskosten zu sparen.

In dem Abschnitt ging es um die Installation eines Temperaturfühlers eines Wärmezählers in eine Wasserleitung. Wir entschieden uns für Strichzeichnungen, da wir das Einsetzen des Fühlers in einer Schnittdarstellung zeigen wollten. Bei der Installation müssen zudem einige Rahmenbedingungen beachtet werden. Diese beschreibenden Informationen haben wir in unserer Anleitung visuell von der eigentlichen Prozedur getrennt.

Die Originalanleitung enthielt folgenden Satz: „Temperaturfühler mit Kunststoffschraube in die Bohrung der Verschlussschraube einsetzen und handfest anziehen. – Keine Werkzeuge dabei verwenden.“ In diesem Satz sind viele Informationen untergebracht: Die eigentliche Handlung („einsetzen“ und „anziehen“), Informationen zur Art und Weise („handfest“) und eine Verneinung. Auch hier haben wir uns dazu entschieden die Handlung von der beschreibenden Information zu trennen. Das Einsetzen zeigen wir in einer Bildfolge aus Anfangs- und Endzustand. Zusätzlich haben wir einen spiralförmigen Pfeil für die Bewegung verwendet. Die beiden Bilder der Bildfolge haben wir ebenfalls mit einem Pfeil verbunden. Dieser unterscheidet sich optisch vom Bewegungspfeil, damit es nicht zu einer Verwechslung kommt.

Die Information zur Art & Weise haben wir in einen eigenen Infokasten neben die Prozedur gestellt. Verneinungen darzustellen ist generell schwieriger. Zwar gibt es mit dem Verbotszeichen eine Möglichkeit, eine Art „Nein“ im Bild darzustellen, aber die Verneinung ist dadurch oft nicht deutlich genug. Besser ist es, neben der verbotenen Handlung immer auch die erlaubte Handlung zu zeigen. Dadurch wird der Betrachter gezwungen, beide Bilder zu vergleichen und erkennt schneller, was gemeint ist.

  • Handlungsanweisung in Bildern, mit Verbotszeichen
    Beispiel einer textlosen Umsetzung

Fazit

Generell sollten Sie versuchen, gleiche Informationen mit den gleichen Gestaltungsmitteln umzusetzen. Erst dadurch wird die Anleitung konsistent und schließlich verständlich. Alle Sätze vorher zu analysieren ist dabei eine große Hilfe. Denn nur damit lassen sich die Aussagen ausfindig machen, die sich nur schwierig oder vielleicht auch gar nicht visualisieren lassen.

Über dieses Thema haben wir auf der tekom-Jahrestagung 2015 referiert. Den Vortrag finden sie hier.

  • Text ausradieren

Der Autor

Cedric-S. Grimm studierte Technikkommunikation und Technische Redaktion sowohl im Bachelor- als auch im Masterstudium. In seiner Masterarbeit beschäftigte er sich mit der Frage, wie Comic- und Cartoonelemente die Verständlichkeit in Gebrauchsanleitungen verbessern können

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Textlose Anleitung

'Schreibst du noch oder zeichnest du schon? Erfolgreiche Gestaltung einer textlosen Anleitung' - lesen Sie hier den Beitrag im Tagungsband der tekom-Jahestagung 2015.

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